Selbstwert · Selbstvertrauen · Vertrauen

Kein 50-Euro-Schein.
Zum Glück.

Warum dein Wert keinen Beweis braucht – dein Selbstvertrauen aber Erfahrung.

KopfHoch Verlag6 Minuten LesezeitPersönlichkeit & Lebensqualität

Ein 50-Euro-Schein loest sich auf und geht in einen Fingerabdruck ueber - Sinnbild fuer Selbstwert

Vom bedruckten Papier zum unverwechselbaren Abdruck: dein Wert ist keiner, den jemand gegen das Licht halten muss.

Nimm einen 50-Euro-Schein in die Hand. Falls gerade keiner griffbereit liegt: Bitte nicht extra zur Bank fahren. Für dieses Gedankenexperiment reicht ausnahmsweise auch eingebildetes Geld.

Was hältst du da eigentlich? Ein bedrucktes Stück Baumwolle. Der reine Materialwert: ein paar Cent.

Trotzdem kannst du damit einkaufen, essen gehen oder tanken. An der Kasse wird der Schein vielleicht gegen das Licht gehalten. Aber niemand prüft, ob die Baumwolle tatsächlich Brötchen im Wert von 50 Euro rechtfertigt.

Der Schein funktioniert, weil wir uns auf seinen Wert verlassen. Dahinter stehen Regeln, Institutionen, wirtschaftliche Leistung und das gemeinsame Vertrauen, dass auch der Nächste diesen Schein akzeptiert.

Kein kleiner Goldbarren trägt im Tresor heimlich dieselbe Seriennummer. Es ist ein Versprechen. Und dieses Versprechen gilt.

Du musst nur fest genug an dich glauben, dann werden es die anderen auch tun.

Klingt gut. Stimmt aber nur zur Hälfte. Und halbe Wahrheiten sind bekanntlich besonders praktisch: Sie passen auf jedes Motivationsposter.

Dein Wert braucht keine Deckung

Du bist kein Geldschein. Dein Wert entsteht nicht dadurch, dass andere Menschen an dich glauben. Er verschwindet auch nicht, wenn sie es gerade nicht tun.

Du musst deinen Wert nicht mit Erfolgen, Titeln, Disziplin oder einem lückenlosen Lebenslauf absichern.

Das Kind

Ein Kind hat noch nichts geleistet und ist trotzdem wertvoll.

Der Kranke

Ein Mensch, der krank wird, verliert nicht plötzlich seinen Wert.

Der Gescheiterte

Und wer scheitert, wird dadurch nicht zum menschlichen Falschgeld.

Selbstwert braucht keine Deckung. Er ist da. Auch an den Tagen, an denen du nichts vorzuweisen hast. Auch wenn du müde bist, zweifelst oder gerade überhaupt nicht weißt, wie es weitergehen soll.

Beim Selbstvertrauen sieht es anders aus.

Deine innere Buchhaltung hört mit

„Du musst nur an dich glauben.“ Dieser Satz hat ungefähr denselben praktischen Nutzen wie der Zuruf vom sicheren Ufer: „Du musst nur schwimmen!“ Danke für den Hinweis.

Selbstvertrauen lässt sich nicht herbeireden. Es entsteht, wenn du erlebst, dass du dir selbst glauben kannst.

Wenn du dir allerdings seit Jahren versprichst „Ab Montag ändere ich alles“, dann sitzt dein Inneres irgendwann mit verschränkten Armen da und denkt: „Natürlich. Ab Montag. Kennen wir.“

MerkeDas ist keine Schwäche. Das ist Erinnerung.

Deine innere Buchhaltung führt ziemlich genau darüber Buch, wie du mit dir umgehst. Sie notiert, ob du deine eigenen Grenzen ernst nimmst. Ob du dir ein Versprechen gibst und es hältst. Ob du nach einem Rückschlag wiederkommst. Und ob du dir beistehst, wenn etwas nicht gelingt.

Ein Satz vor dem Spiegel kann hilfreich sein. Aber wenn du dir jeden Morgen sagst, du seist ein hervorragender Pianist, bleibt das Klavier am Abend trotzdem erstaunlich unbeeindruckt.

Glaube ist kein Beweis. Er ist ein Vorschuss.

Ein ehrlicher Glaube an dich klingt deshalb nicht unbedingt so: „Ich schaffe alles.“ Er klingt eher so: „Ich weiß nicht, ob ich das schaffe. Aber ich traue mir zu, es herauszufinden.“

Das ist weniger glänzend. Aber deutlich belastbarer.

Zehn Millimeter können eine ganze Welt sein

In ihrem Buch „Aufstehen beginnt im Kopf – Nichts hindert dich“ erzählt Marion Bender von einem Versuch, der von außen betrachtet beinahe lächerlich klein wirkte.

Nach ihrem schweren Reitunfall versuchte sie gemeinsam mit Gisela stundenlang, ihre Hose selbst ein Stück nach oben zu ziehen. Am Ende hatte sie einen Zentimeter geschafft. Zehn Millimeter.

Ihre Mutter konnte die verzweifelte Anstrengung kaum noch mit ansehen und verließ das Zimmer. Sie sah, wie wenig gelungen war. Marion sah etwas anderes. Sie sah, dass überhaupt etwas gelungen war.

Dieser eine Zentimeter war kein großer Erfolg im üblichen Sinn. Niemand hätte dafür eine Urkunde gedruckt. Es gab keinen Applaus und vermutlich nicht einmal einen besonders hübschen Fortschrittsbalken. Aber er war echt.

Aus einem Zentimeter konnten zwei werden. Aus zwei irgendwann zwanzig. Der Fortschritt war zunächst eher ein Fort-Schleich. Aber er bewegte sich.

Ich kann etwas beeinflussen. Ich kann üben. Ich kann weitermachen.

Marions Selbstvertrauen entstand nicht, weil sie sich oft genug sagte, dass sie eines Tages wieder mehr können würde. Es entstand, weil sie es erlebte. Und selbst zehn Millimeter können eine neue Richtung bedeuten.

Das ist die Deckung, die Selbstvertrauen braucht. Keine Garantie, dass alles gelingt. Sondern die Erfahrung, dass du dich auch dann nicht verlässt, wenn es schwierig wird.

Nicht der Erfolg macht dich glaubwürdig

Wir verwechseln Selbstvertrauen gern mit der Gewissheit zu gewinnen. Doch wenn du dir nur vertraust, solange du erfolgreich bist, vertraust du nicht dir. Du vertraust dem Ergebnis.

Echtes Selbstvertrauen zeigt sich anders:

Du sagst Nein, obwohl jemand enttäuscht sein könnte.

Du bittest um Hilfe, obwohl du lieber alles allein schaffen würdest.

Du gibst einen Fehler zu, ohne dich deshalb selbst für einen Fehler zu halten.

Du machst nach einer Pause weiter, ohne dich für die Pause zu bestrafen.

Oder du erkennst, dass ein Weg nicht deiner ist, und hast den Mut, ihn zu verlassen.

Auch das sind Einzahlungen auf dein inneres Vertrauenskonto. Nicht besonders spektakulär. Aber deine innere Buchhaltung akzeptiert zum Glück auch kleine Beträge.

Deshalb musst du dir nicht vornehmen, ab morgen dein ganzes Leben umzukrempeln. Gib dir lieber ein kleines, ehrliches Versprechen, das du heute halten kannst: Ein Anruf. Zehn Minuten Bewegung. Eine Pause ohne schlechtes Gewissen. Ein klares Nein. Oder ein erster Versuch, bei dem du noch keine Ahnung hast, was daraus wird.

Frag dich nicht„Glaube ich genug an mich?“ – sondern: „Was kann ich heute tun, damit ich meinem eigenen Wort morgen ein wenig mehr vertraue?“

Dein Wert steht nicht zur Verhandlung. Dein Selbstvertrauen darf wachsen. Schritt für Schritt.

Und manchmal ist dieser erste Schritt nur zehn Millimeter groß. Aufstehen beginnt im Kopf. Aber wirklich glaubwürdig wird dieser Gedanke in dem Moment, in dem du etwas daraus machst.

Welches kleine Versprechen könntest du dir heute geben – und morgen halten?

Schreib es in die Kommentare. Du wärst überrascht, wie vielen es genauso geht.

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