Motivation · Widerstand · Veränderung

Der innere Schweinehund
braucht keinen Tritt

Warum uns manchmal nicht die Disziplin fehlt, sondern ein Grund, für den wir wirklich loswollen

KopfHoch Verlag7 Minuten LesezeitPersönlichkeit & Veränderung

Marion Bender berührt liebevoll die Stirn eines Pferdes

Manchmal reicht eine Pferdenase.

Der innere Schweinehund hat einen schlechten Ruf.

Er gilt als faul, bequem und ausgesprochen uneinsichtig. Morgens liegt er quer vor dem Bett, nachmittags sitzt er auf dem Sofa und abends behauptet er, morgen sei auch noch ein Tag.

Meistens ein Montag.

Deshalb soll man ihn überwinden. Austricksen. Besiegen. Am besten noch vor dem Frühstück.

Das klingt entschlossen.

Vielleicht ist das Problem nur: Nicht hinter jedem Widerstand steckt ein Schweinehund.

Manchmal steckt dort Angst.

Manchmal Trauer.

Manchmal Erschöpfung.

Und manchmal fehlt uns schlicht ein Grund, für den es sich lohnt, loszugehen.

Keine zehn Pferde bringen mich da rein

Nach ihrem schweren Reitunfall lag Marion Bender monatelang im Bett.

Dann schob ihre Ergotherapeutin Wiebcke zum ersten Mal einen Rollstuhl an ihr Bett.

Für die Menschen in der Klinik war dieses Ding ein Hilfsmittel. Es sollte Marion wieder ein Stück Beweglichkeit und Selbstständigkeit ermöglichen.

Für Marion war es etwas ganz anderes.

Dieser Rollstuhl stand nicht einfach neben ihrem Bett. Er stand zwischen ihrem alten und ihrem neuen Leben.

Er machte sichtbar, was sie nicht wahrhaben wollte.

Sie wollte da nicht hinein.

Die medizinischen Argumente waren eindeutig. Ohne den Rollstuhl würde sie weiter im Bett liegen bleiben. Mit ihm könnte sie sich irgendwann wieder bewegen, die Klinik verlassen und ein Stück ihres Lebens zurückgewinnen.

Vernünftig betrachtet war die Sache klar.

Nur hatte Marions Herz an diesem Tag offenbar keine Sprechstunde für vernünftige Argumente.

Dann kam Gisela dazu.

Sie versuchte nicht, Marion mit einem Vortrag über Eigenverantwortung zu überzeugen. Sie holte auch kein Motivationsposter aus der Tasche. Vermutlich hing dort ohnehin schon genug gut gemeinte Dekoration herum.

Stattdessen hörte sie Marions Widerstand:

„Keine zehn Pferde bringen mich da rein.“

Und dann antwortete sie sinngemäß:

„Zehn vielleicht nicht. Aber wie wäre es mit einem?“

Gisela hatte ein Pferd. Es hieß Ria.

Sie machte Marion einen Vorschlag: Wenn sie in den kommenden drei Tagen Fortschritte mit dem Rollstuhl machte, würde sie mit ihr zu Ria in den Stall fahren.

Plötzlich war der Rollstuhl nicht mehr nur das Symbol für alles, was Marion verloren hatte.

Er wurde zum Weg zurück zu etwas, das sie liebte.

Der Rollstuhl blieb derselbe

An dem Rollstuhl hatte sich nichts verändert.

Er war nicht bequemer geworden. Nicht schöner. Und über Nacht hatte ihm auch niemand ein sportliches Sondermodell mit Getränkehalter und eingebauter Sitzheizung verpasst.

Verändert hatte sich sein Ziel.

Vorher sollte Marion in den Rollstuhl, weil Ärzte und Therapeuten es für notwendig hielten.

Jetzt wollte sie hinein, weil am Ende dieses Weges eine Pferdenase auf sie wartete.

Das ist ein großer Unterschied.

Druck schiebt von hinten.
Ein echter Grund zieht von vorn.

Beides kann einen Menschen in Bewegung bringen. Aber nur eines davon fühlt sich nach dem eigenen Leben an.

Marion übte.

Nicht, weil ihre Angst verschwunden war. Nicht, weil sie sich plötzlich mit allem abgefunden hatte. Und sicher nicht, weil ihr innerer Schweinehund nach einem klärenden Gespräch freiwillig ausgezogen war.

Sie übte, weil sie wieder zu einem Pferd wollte.

Drei Tage später fuhr sie mit Gisela zu Ria.

Zum ersten Mal seit Monaten konnte sie wieder eine warme Pferdenase berühren.

Von außen war das vielleicht nur ein Ausflug.

Für Marion war es ein Stück Rückkehr ins Leben.

Widerstand ist nicht immer Faulheit

Wir sind schnell dabei, uns selbst mangelnde Disziplin vorzuwerfen.

Wir schieben etwas auf und denken:

„Ich bin einfach zu bequem.“

„Ich müsste mich nur mehr zusammenreißen.“

„Andere bekommen das doch auch hin.“

Das Wort „einfach“ leistet in solchen Sätzen erstaunlich viel Arbeit.

Du musst einfach anfangen.

Einfach durchziehen.

Einfach früher aufstehen.

Einfach weniger essen, mehr Sport machen, endlich Nein sagen, den Job wechseln, deine Steuererklärung erledigen und dabei möglichst entspannt durch die Nase atmen.

Wenn es wirklich so einfach wäre, hätten wir vermutlich alle einen aufgeräumten Keller, einen trainierten Rücken und spätestens seit Februar die Weihnachtsdekoration weggeräumt.

Aber Menschen funktionieren nicht wie Lichtschalter.

Widerstand hat meistens eine Geschichte.

Vielleicht vermeidest du ein Gespräch, weil du Angst vor der Antwort hast.

Vielleicht fängst du nicht mit dem Sport an, weil du dich in deinem Körper gerade nicht wohlfühlst.

Vielleicht hältst du an einem Beruf fest, der dir längst nicht mehr guttut, weil du nicht weißt, wer du ohne ihn wärst.

Vielleicht schiebst du eine Entscheidung vor dir her, weil jede Möglichkeit auch bedeutet, etwas anderes loszulassen.

Das ist nicht automatisch Faulheit.

Und es lässt sich deshalb auch nicht immer mit mehr Druck lösen.

Man kann sich sehr diszipliniert in die falsche Richtung bewegen

Disziplin ist nützlich.

Sie hilft uns, auch dann dranzubleiben, wenn etwas anstrengend, langweilig oder unbequem wird.

Aber Disziplin beantwortet nicht die Frage, ob der Weg überhaupt zu uns gehört.

Du kannst jeden Morgen um fünf Uhr aufstehen, konsequent deine Aufgabenliste abarbeiten und dabei sehr zuverlässig ein Leben führen, das du eigentlich gar nicht möchtest.

Das ist dann zwar diszipliniert.

Aber eben auch ein bisschen tragisch.

Manchmal versuchen wir, fehlenden Sinn durch noch mehr Anstrengung auszugleichen. Wir geben uns neue Regeln, kaufen einen hübscheren Kalender und laden eine App herunter, die uns daran erinnert, dass wir wieder nicht getan haben, was wir uns vorgenommen hatten.

Technischer Fortschritt kann sehr präzise sein.

Die App weiß jetzt auf die Minute genau, seit wann wir uns selbst enttäuschen.

Vielleicht fehlt uns aber kein besseres System.

Vielleicht fehlt uns ein Ziel, das etwas in uns berührt.

Wofür willst du eigentlich losgehen?

Ein guter Grund muss nicht groß klingen.

Er muss nur deiner sein.

Du möchtest dich mehr bewegen, damit du mit deinem Enkel einen Ausflug machen kannst.

Du willst ein schwieriges Gespräch führen, weil dir die Beziehung wichtiger ist als die bequeme Stille.

Du möchtest beruflich etwas verändern, weil du sonntagabends nicht mehr das Gefühl haben willst, dass dein Wochenende viel zu früh gestorben ist.

Du willst dir Hilfe holen, weil du nicht länger deine gesamte Kraft dafür verbrauchen möchtest, nach außen so auszusehen, als bräuchtest du keine.

Das sind Gründe.

Sie ziehen nicht an der Oberfläche. Sie reichen tiefer.

Und plötzlich wird aus einem abstrakten „Ich müsste mal“ ein ehrliches „Ich will dorthin“.

Nicht jeder gute Grund macht den Weg leicht.

Auch Marion wurde durch die Aussicht auf Ria nicht plötzlich gesund. Das Üben blieb anstrengend. Der Rollstuhl blieb eine bittere Erinnerung an den Unfall. Und die Zukunft war weiterhin voller Fragen.

Aber sie hatte etwas, das stärker war als ihr Widerstand:

Vorfreude.

Vorfreude wird unterschätzt

Angst kann uns in Bewegung bringen.

Druck auch.

Ein schlechtes Gewissen ebenfalls. Deshalb funktionieren drohende Fristen vermutlich besser als die meisten Lebensratgeber.

Aber dauerhaft tragen diese Kräfte selten.

Vorfreude kann etwas anderes.

Sie richtet unseren Blick nicht nur weg von dem, was wir vermeiden wollen. Sie richtet ihn auf etwas, das wir erleben möchten.

Das muss keine große Reise sein. Kein neues Leben. Kein spektakuläres Ziel mit Sonnenuntergang und Drohnenaufnahme.

Vielleicht ist es ein Kaffee mit einem Menschen, den du vermisst.

Ein Spaziergang ohne ständig aufs Handy zu schauen.

Der erste freie Nachmittag seit Wochen.

Oder das Gefühl, abends sagen zu können:

„Heute habe ich mich selbst nicht wieder auf morgen vertröstet.“

Vorfreude braucht keine Bühne.

Manchmal reicht eine Pferdenase.

Frag deinen Widerstand, statt ihn zu beschimpfen

Wenn du etwas immer wieder aufschiebst, musst du deinen inneren Schweinehund nicht sofort niederringen.

Setz dich gedanklich einen Moment neben ihn.

Keine Sorge. Du musst ihn weder streicheln noch ihm einen Namen geben.

Frag dich lieber:

Was macht mir an diesem Schritt wirklich Angst?

Vielleicht ist die Antwort ehrlicher als „Ich bin eben undiszipliniert“.

Wessen Ziel versuche ich hier eigentlich zu erreichen?

Deines? Oder eines, das vernünftig klingt und andere Menschen zufriedenstellt?

Was liegt auf der anderen Seite der Anstrengung?

Nicht: Was sollte dort liegen?

Sondern: Worauf freust du dich wirklich?

Und dann kommt die wichtigste Frage:

Was wäre meine Ria?

Was zieht dich nach vorn, wenn gute Argumente allein nicht reichen?

Du brauchst nicht immer einen Tritt

Natürlich gibt es Tage, an denen wir uns einen kleinen Schubs geben müssen.

Nicht jede Aufgabe kann auf eine tiefe innere Berufung warten. Die Spülmaschine wird selten zu unserem Herzensprojekt. Und auch die Steuererklärung entwickelt keine wärmere Persönlichkeit, nur weil wir lange genug nach dem Sinn dahinter suchen.

Manches muss einfach erledigt werden.

Aber wenn du bei einem wichtigen Schritt immer wieder stehen bleibst, hilft vielleicht kein härterer Tritt.

Vielleicht brauchst du einen Grund, der dich wieder spüren lässt, wofür du dich bewegst.

Marion stieg damals nicht in den Rollstuhl, weil sie sich endlich ausreichend zusammengerissen hatte.

Sie stieg hinein, weil sie zu Ria wollte.

Der Rollstuhl war nur der Weg.

Die Pferdenase war das Ziel.

Und manchmal beginnt Aufstehen genau so:

Nicht mit mehr Druck im Rücken.

Sondern mit etwas vor Augen, das du wieder berühren möchtest.

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